Rede des Ehrenvorsitzenden der Hermann-Diehl Stiftung
Oskar Schley
zur Eröffnung der 750 Jahrfeier Güdingens


Hält jemand eine Ansprache bei einem runden Geburtstag, so versucht der Redner das Leben und Wirken des Jubilars chronologisch darzustellen. Dabei bedient er sich des Wissens von Verwandten und Bekannten des Jubilars.

Wenn das Geburtsdatum 750 oder gar mehr Jahre zurückliegt, sind andere Quellen gefragt.

Spaten und Pflug lassen uns teilhaben am Dasein der Menschen, die zu einer Zeit lebten, als es noch niemand verstand, Geschehnisse und Gegenwart schriftlich aufzuzeichnen und damit Geschichte zu dokumentieren. Umfangreiche Bündel engbeschriebener Archivalien berichten dann vom Leben der Menschen in späterer Zeit von Leid und Not, Seuchen und Kriegszeiten, vom ewigen Stirb und Werde, aber auch vom dauernden Kampf ums Dasein, das neben vielen traurigen auch heitere Seiten aufzuweisen hat.

Wir interessieren uns heute gerade für die scheinbar kleinen Welten, auch für die Welt des Dorfes. Wir sind heute begierig, genau und in allen Details zu wissen, wie unsere Vorfahren gelebt haben. Dass sich unser Wissen, meist nur auf Alltägliches bezieht, liegt in den Quellen begründet. Nur selten erfahren wir unmittelbar etwas von dem, was die Altvorderen gedacht und gefühlt haben. So sind wir auf das angewiesen, was sich in den Akten der verschiedenen Obrigkeiten niedergeschlagen hat.

Unsere Vorfahren haben durchaus nicht dumpf ihre ärmlichen Hütten bewohnt; sie waren aufgeschlossen, unterhielten Beziehungen zu den Nachbardörfern, berufliche oder familiäre. Sie haben verschiedentlich beträchtliches Selbstbewusstsein entwickelt, gerade gegenüber ihren Landesherrn, die ihre Untertanen oft genug als Prell- und Sündenböcke missbrauchten.

Der Philosoph und Pädagoge Eduard Spranger (*1882) sagte einmal:

„Die Heimat ist für den erlebenden Menschen die nahrungsspendende Flur. Sie ist aber auch Gegenstand einer ästhetischen Freude. Ihre Erscheinungen reizen den Forschertrieb. Sie ist voll von Zeichen der Vergangenheit, die die Geschichte der früheren Menschen auf diesem Fleck Erde erzählen.“

Güdingen ist eines der wenigen Dörfer, von deren Bann in allen Zeitabschnitten Fundstücke ans Licht kamen. Danach lässt sich als ziemlich sicher sagen, dass die Ortsstelle, die wir heute Güdingen nennen, seit sehr alter Zeit Menschen anlockte, als Durchreisende oder Siedler. Welche Besonderheit hatte diese Stätte?

Wer mit Kind und Kegel in ein unerschlossenes Land einwandert, zieht nicht über Berghänge, durch Hecken und Waldesdickicht; wer mit Wagen und Tiere kommt sucht sichere Plätze für die Notlager, wo es ausreichend Wasser gibt und die Tiere grasen können. Täler und Flussübergänge bestimmen dabei den Weg.

Güdingen lag bereits damals verkehrsgünstig. Vom Mittelmeer her trifft der Rhône – Sàoneweg mit einem Abzweiger die Saar bei Saargemünd, er sucht Anschluss zur Kaiserstraße; Ziel – Mittelrhein. Dahin führen zwei Anschlusswege:

1. Saargemünd – Großblittersdorf – Güdinger Furt – Kolbenholz – Scheidter Tal

2. Saargemünd – Habkirchen – Mandelbachtal – Blieskastel – Homburg

Weniger ausgewirkt in der Güdinger Geschichte hat sich die sogenannte „Brabantstraße“, auch als lombardische Straße erwähnt. Als nach 1200 der St. Gotthardtpass eröffnet wurde, blühte sie auf. Vornehmlich als Handelsstraße verband sie Mailand mit Straßburg – St. Johann – Luxemburg - Brüssel – Brügge

Zeitweise führte sie vornehmen Besuch östlich an unserem Dorf vorbei:

die Kaiser Maximilian I 1493 - 1519

Karl V (1519 – 1556)

den spanischen König Philipp II (1556 – 1598)

alle im 16. Jahrhundert

und viel später den jungen Goethe

Die günstige Verkehrslage und die Saarfurt haben mit Sicherheit Güdingen eine Geltung verschafft. Das dürfte bei der Platzwahl für die 3 Siedlungen in Güdingen

die bronze-eisenzeitliche

die römerzeitliche

die fränkische

bestimmend gewesen sein.

Wir vermuten die erste Siedlung auf der oberen Kiesbank unmittelbar bei der Furt; heute zwischen der Pizzeria und dem Gasthaus Wölflinger. Hier treffen alle Wege des alten Dorfes einschließlich des Gässchens und die Elsegass zusammen.

Mit der ersten Güdinger Siedlung rechnen wir um das Jahr 1000 v. Chr., also vor rund 3000 Jahren. Da dürfte es die ersten Hütten und die erste, noch sehr bescheidene Ackerwirtschaft auf unserem Bann gegeben haben. Der Siedlungsplatz lag gesichert über der Hochwassergrenze, denn vor 3000 Jahre lag die Saaraue wesentlich tiefer als heute.

Güdingen ist mit Bübingen und Kleinblittersdorf in mancherlei Weise schicksalhaft und historisch verbunden gewesen. Das Tal, der Fluss, der Boden und sein Untergrund, das ganze geographische Gefüge forderten von den Bewohnern der drei alten Dörfer gleiche und angemessene Verhaltensformen, um die täglichen Sorgen zu bewältigen. Wir wissen von Ackerbau, von Obstanbau und Rebenkulturen an den Hängen in den 3 Dörfern.

Um 4000 v. Chr. wanderten die Bandkeramiker, so genannt nach ihrer typischen Gefäßverzierung, Landwirte von Haus aus, in Mitteleuropa ein. Wie aus einem Fund von 1962 hervorgeht, siedelten sie auch bei uns. Ein geschliffenes Beil mit einer leicht gebogenen Schneide aus Grünstein fand Lehrer Diehl in seinem Garten.

Dass der paläolithische Mensch das Saartal durchstreifte, steht außer Zweifel. In der ehemaligen Kiesgrube Schmeer, kamen bei Baggerarbeiten eiszeitliche Tierreste zutage. Ein 1 Meter langes Bruchstück eines Mammut - Stoßzahnes und 3 Mammut – Backenzähne. (Keine Funde registrieren wir in unserem Raum für die mittlere und jüngere Steinzeit (1ooo – 1800 v. Chr.))

Aus der Bronzezeit wurden vom Güdinger Bann 2 Fundstücke gemeldet. Das eine ist ein Stück von einer Kugelkopffibel, das ist eine mit einem Metallbügel versehene Gewandnadel zum zusammenhalten der Kleidung, das andere ein Bronzebeil.

Dürftig sind die Funde aus der Eisenzeit und zwar aus ihrem letzten Teil; der Spät-Latènezeit (480 v. Chr.). Erwähnt wird ein Grabfund, der ein rotes Schlauchgefäß und einen Doppelhenkelkrug brachte.

Der erste genaue Fundplatz stammt aus der Keltenzeit. Der frühere Ortsvorsteher Wölflinger meldete dem Konservatoramt den Fund von Gräbern in der Kiesgrube hinter seinem Haus (Gasthaus Ambrosius Saargemünder Str. 82). Man fand einige keltenzeitliche Tongefäße, in denen die Toten eine Wegzehrung fürs Jenseits mit erhalten hatten (1.Jahrhundert n. Chr.).

Von der Güdinger Römerzeit wissen wir mehr (bis 401 n. Chr.). Die Güdinger Hauptruinenstelle liegt am „Kreuz“. Am Kreuz steckt Grundgemäuer eines größeren Gebäudes im Boden. Man gebraucht dafür den abgegriffenen Namen „Villa rustica“ – ein ländliches Gutshaus. Darin ist von 3 Hypokausten zu berichten. Das waren Ofenkeller einer zentralen Heizvorrichtung. Römerzeitliche Gräber lagen auf dem Gewann Hinterrech (hinter den Heckgärten) in der Nähe der Keltengräber. Ein gut erhaltenes Brandgrab fand sich im Jahre 1931 bei Ausschachtungsarbeiten für eine Garage im Rosengarten Nr. 12, 5 Münzen und 2 unbeschädigte Krüge. In der Uhlandstraße Nr. 1-5 fand man ebenfalls 2 gut erhaltene römische Bronzemünzen und im Nachbargarten wurde eine schwarze Erdschicht mit Scherben freigelegt, sie bekundet den Totenbrauch, wie er für ein Brandschüttungsgrab üblich war. In das schon fortgeschrittene 4. Jahrhundert gehören Reste von Gefäßen einer gewissen rauhen Keramik aus der Kiesgrube Schmeer. Diese späte Ware wird in den Körpergräbern öfters gefunden. Die Zeit der Brandbestattung – 500 Jahre dauerte sie – war vorbei.

Die Perioden aneinandergereiht, belegen eine kontinuierliche Besiedlung über die gesamte Zeit der römischen Besetzung in Güdingen.

Wie lange bestand nun das römerzeitliche Güdingen? Dazu muss man die 10 bekannten Güdinger Münzfunde heranziehen; der älteste Kaiser Claudius I (41 – 54 n. Chr.), der jüngste von Gratianus (375 – 383 n. Chr.). Danach herrschten die Römer über 300 Jahre in unserer Heimat. Sie brachten unserem Land viel Segen: Urbarmachung von Sumpfland, Weinbau, ausländisches Gemüse, Hausbau, Eisenverhüttung, Wegebau und römisches Recht.

Es ist anzunehmen, dass das kleine Keltendorf auf der Hall weiterbestand. Die Bewohner wurden im Laufe der Jahrhunderte romanisiert in Sitten und Gebräuche, Sprache und Religion. Sie waren abhängig von der römischen Familie, die im Haus am Kreuz die Sommermonate verbrachte. Die Bauernfamilien der Hall, von denen jede eine kleine Landstelle bewirtschaftete, dafür sie dem Herrn im Gutshaus am Kreuz zinsen und fronen mussten. Die Reichsregierung hatte ihnen das Recht des freien Zuges genommen und sie dem Gutsherrn hörig gemacht.

Von etwa 258 n. Chr. ab lebte die ländliche Bevölkerung oft gefährlich. Das Römertum verebbte. In der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts überfluteten germanische Franken jenes einst römisch geordnete Land, welches längst von den Alamanen gebrandschatzt und ausgeplündert war. Die Franken entstanden durch die Vereinigung mehrerer kleiner westgermanischer Volksgruppen zu einem Stamm. Bis einschließlich des 4. Jahrhundert beschränkten sich ihre kriegerischen Maßnahmen auf schnelle Raubzüge ohne Eroberung neuer Gebiete.

Erst zwischen 420 und 450 n. Chr. begannen die Franken sich langsam auszudehnen. Die Glanzzeit der Franken begann erst 500 n. Chr. unter dem Merowinger Chlodwig I, der die Franken zu einer Großmacht wachsen ließ. Als Gaukönig der Salfranken besiegte er den letzten römischen Heerführer Syagrius in Gallien. 496 n. Chr. und 10 Jahre später besiegte er zum zweiten Male und diesmal entscheidend die Alamanen.

Ebenfalls ein wichtiger Bestandteil der fränkischen Geschichte war auch der Übertritt Chlodwigs zum katholischen Glauben.

Nach dem Tode Chlodwigs wurde sein Reich der Tradition nach unter seinen 4 Söhnen aufgeteilt. Diese führten anfangs die Eroberungszüge fort und nahmen Burgund und das Thüringerreich ein. Dadurch umfasste das Frankenreich im Wesentlichen die Gebiete des heutigen Frankreichs, des westlichen Deutschlands sowie die Beneluxstaaten.

Es war normal, dass die Reiche immer unter den Söhnen aufgeteilt wurden. Das würde normalerweise dazuführen, dass ein Reich langsam zerfällt und in winzige Teile zersplittert wird. Allerdings war es für einen König
damals genau so normal seine Brüder umbringen zu lassen und das gesamte Reich in seinem Machtbereich zu vereinen.

Die merowingischen Könige (die Nachkommen Chlodwigs) waren in dieser Zeit nur noch dem Namen nach Machthaber. So gelang es im Jahre 687 dem Hausmeier Pippin II (Haushofmeister, Heerführer, Staatskanzler), den damaligen Herrscher des fränkischen Gesamtreiches zu besiegen und wurde ohne je König zu sein fränkischer Machthaber.

Nach seinem Tode (714) konnte sich sein unehelicher Sohn Karl Martell (719) in den Machtkämpfen durchsetzen und herrschte neben dem merowingischen König Theuderich IV über die Franken. Nach dessen Tode (737) wurde Karl Martell Alleinherrscher.

Wie seine Vorgänger teilte er kurz vor seinem Tode das Reich unter seinen Söhnen Karlmann und Pippin III auf.

Pippin III wurde Alleinherrscher, als sein Bruder Karlmann ins Kloster ging und er den letzten merowingischen König Childerich III ebenfalls ins Kloster schickte. Doch der eben genannte Childerich III spielt eine entscheidende Rolle in der Nachbargemeinde Fechingen.

Die Franken kamen also über die Eifel und Lothringen um 500 n. Chr. in unseren Raum. Sie waren verantwortlich für die Namensgebung der Orte von ingen, wie Alstingen, Zinsingen, Kuchlingen, Güdingen, Bübingen sowie auch die heim – Namen von Bischmisheim bis zu den Bliesorten: Altheim, Gersheim, Walsheim, Reinheim, Rubenheim.

Bekanntlich hat Chlodwig Gallien im Bündnis mit der Kirche erobert, die den eingesessenen kelto-germanischen Bevölkerungsanteil vertrat. Denkbar ist, dass vornehme Familien dieser Herkunft sich und ihre Landgüter sicherten, in dem sie sich schnell dem Eroberer anschlossen, dem ihre Hilfe willkommen war. Dem König standen auch bestimmte Rechte zu, mit denen Einkünfte verbunden waren; so das Geleit auf den Straßen, das Marktrecht und das Hochgericht (Todesurteile).

Von seinem neugewonnenen Eigentum schenkte der König vieles an die Kirche. Anderes gab er seinen Kampfgenossen mit der Maßnahme, die Gabe als Lehen zu betrachten, die nach dem Tode des Inhabers an den König zurückfiel. So entstand auch bei uns auf den Dörfern eine neue Herrenschicht. Wer nur Land empfangen hatte, hieß „Grundherr“. Wer im Dorf mit dem Hochgericht belehnt wurde, war Gerichts- oder Dorfherr, bei 4 solcher Herren lag in unserem Ort 1556 die Obrigkeit. Dies waren:

1. Das Stift St. Arnual und als dessen Schutzherr, der Graf von Saarbrücken.

2. die Herren von Warsberg, die ihren Anteil an den Grafen verpfändet hatten,

3. die Herren Hagen auf Eppelborn

4. die Herren von Kerpen mit Saarbrücken in Gemeinschaft Graf Johann IV kaufte und tauschte mit den anderen Herren, sodass er 1620 im Alleinbesitz unseres Dorfes war.

Wie wir gehört haben bewiesen zahlreiche Siedlungs- und Grabfunde, dass die Siedlungs- und verkehrsgünstig in einer Niederung des Saartal gelegene Ortschaft schon ein keltischer und römerzeitlicher Platz war. Auch ließ der Name Güdingen die Vermutung zu, dass der Ort eine germanische Neugründung der späten Völkerwanderungs- oder der Merowingerzeit ist.

Die ersten fränkischen Trupps ließen sich vorwiegend auf den flachen, leicht zu beackernden Flächen bei den großen Flüssen nieder. Frühe Ansiedlungen sind für Saarlouis – Roden, Güdingen und Gersheim dokumentiert.

Lange konnte kein Beweis geführt werden, dass Güdingen aus der Landnahmezeit stammt. 1929 fanden sich zwar die ersten Frankengräber am Haus Bahnstraße 4, aber das Ergebnis war mager.

Der Durchbruch wurde jedoch erst in den Jahren 1961 und 1965 erbracht, als bei Ausschachtungsarbeiten zum Neubau der Einhornapotheke Bestattungsstellen aus der Merowingerzeit gefunden wurden. Im Jahre 1961 wurden Frauengräber und die Reste einer vermutlich männlichen Bestattung entdeckt, deren Inventare zu den damals ansehnlichsten germanischen Funden im Saarland zählten und daher auch außerhalb der Landesgrenzen Beachtung fanden. Vier Jahre später wurden in unmittelbarer Nähe der ersten Fundstelle beim Bau der Volksbank 5 weitere Gräber entdeckt. Diesmal waren auch reich ausgestattete Männergräber dabei. Unter den Grabbeigaben waren wieder die schon vom ersten Fund bekannten Geräte. Außerdem kam bei diesem zweiten Fund eine Waffenbestattung zu Tage. Zu den interessanten Grabbeigaben gehörten ein Schwert, Schild, Lanze, ein Toilettenbesteck und wie bei dem ersten Fund eine Röhrenausgusskanne, Sturzbecher, Perlenketten, Zierscheibe aus Hirschgeweih, Bronzemünzen, die älter als die Gräber waren, Bügelfibeln (Kleiderspangen aus Silber) und Bergkristallkugeln. Damit steht fest, dass man in der Nachbarschaft des Anwesens Saargemünder Straße 165 auf einen merowingischen Friedhof gestoßen ist. Die Skelette eines etwa 18 Jahren alten Mädchen, sowie ein Frauen- und ein Männerskelett wurden geborgen.

Doch noch wichtiger als die Skelette waren für die Forscher die oben erwähnten Grabbeigaben und die dabei verarbeiteten Materialien Bronze, Silber, Gold, edler Stein, Glas usw., die einen anschaulichen Aufschluss über die handwerkliche Leistungsfähigkeit der Zeit um 600 n. Chr. gaben.

Alle Güdinger Gräber sind, das wurde aufgrund zahlreicher Merkmale schlüssig bewiesen, im späten 6. bzw. im ersten Viertel des 7. Jahrhunderts entstanden. Auch über die soziale Stellung der bestatteten Frauen gaben die Beigaben Aufschluss. Sie gehörten der oberen wohlhabenden Schicht der damaligen bäuerlichen Gesellschaft an.

Die erstaunliche Tatsache, dass die Ausstattung dieser Reihengräber nicht so sehr von örtlichen Besonderheiten wie Grabsitten, Trachten und Schmuck geprägt wird, sondern vielmehr von überregionalem Charakter ist, wie Reihengräber aus anderen Gebieten nachweisen, gestattet dem Archäologen Dr. Schähle die Feststellung: „Die Siedlungsgeschichte des Saarlandes hat in Güdingen den Nachweis einer um 600 bestatteten germanischen Bevölkerung gewonnen, deren materielle Ausstattung und sozialer Status den sozial gehobenen Schichten in fränkischen Kerngebieten wie etwa am Mittelrhein und um Köln in nichts nachsteht.“

Der Fund der Gräber unter der Apotheke und der Volksbank sind für die Güdinger Frühgeschichte besonders wertvoll. Endlich ist sicher bezeugt, dass jene fränkischen Landnehmer um 500 n. Chr. auch unseren Bann neu besiedelten.

Das heutige Güdingen stammt, obwohl älteste Urkunden fehlen, aus der Landnahmezeit und weist ein Alter auf von 1500 Jahren; das doppelte von dem was wir heute feiern.

Als der Frankenkönig Chlodowech um 500 n. Chr. auch das mittlere Saartal eroberte, verschenkte der König viele seiner Besitztümer. Die meisten unserer Saarorte von Saargemünd bis Wadgassen tauchten deshalb zuerst in Schenkungsurkunden der Frankenzeit auf. Güdingen gehört zu den wenigen, die nicht darin genannt werden. Doch es ist geradezu undenkbar, dass dort wo eine Furt die Durchquerung der Saar erlaubte, keine Siedlung war.

Es ist vielmehr anzunehmen, dass die Siedlung, nennen wir sie Güdingen, direkt dem König oder einem Grundherren gehörte, die sich gegenseitig stärkten, die Bauern ihren Herrn durch die Erträge ihrer Arbeit ernährten, und der Herr seine Bauern beschützte und auch richtete.

Mehrere Siedlungen unserer Nachbarschaft, die ebenfalls in fränkischer Zeit entstanden sind, wurden 777 von Abt Fulrad, dem Erzkaplan König Pippins, dem Kloster St.-Denis bei Paris testamentarisch vermacht, darunter Auersmacher, Großblittersdorf, Saargemünd, Fechingen und Kuchlingen. Später kamen diese Ortschaften durch Tausch und Erbschaft an die Grafen von Saarbrücken, die sie 1223 ihrer Hausabtei Wadgassen schenkten.

Von der evangelischen Kirche in Güdingen wissen wir, dass der untere Teil des Kirchturms aus der Zeit um 1350 stammt. Von dem zugehörigen Chor kennen wir nur den Grundriss: er war nur wenig länger und breiter als der Turm.

Aber diese Kirche kann unmöglich die erste gewesen sein. Als vor etwa 50 Jahren der Boden der heutigen Kirche neu verlegt wurde, versäumte man, nach alten Grundmauerresten zu graben. Es wäre nicht ausgeschlossen, dass Reste sogar von zwei älteren Kirchen im Boden stecken. Auch am Turm müsste man graben.

Bei der Freilegung der Fundamente, beim Umbau der evangelischen Kirche 1965 in Fechingen, wurde die Vermutung bestätigt, dass der Standort dieser Kirche stets eine Kulturstätte war. Im Grabungsbereich fand man jedenfalls Reste von Grundmauern aus verschiedenen, weit zurückliegenden Epochen. Scherben und Münzen, die man bei der Grabung fand, wiesen auf das hohe Alter der Kirche hin. (Die älteste Scherbe wurde auf das Jahr 900 n. Chr. datiert.)

Nach mündlichen Überlieferungen soll in der evangelischen Kirche ein Merowingerkönig begraben sein. Es wurden die Namen Childerich und Pippin genannt. Bei den Grabungen 1965, die unter Aufsicht der staatlichen Denkmalpflege vorgenommen wurde, hat man unter dem damaligen Altar ein Totenhaus, eine Gruft entdeckt.

Was sich mündlich fortgepflanzt hatte, schien einen realen Hintergrund zu haben. Man fand in der Gruft vier Särge aus dem 18. Jahrhundert. Die Toten sind im Kirchenbuch von Bischmisheim beurkundet.

Doch es steht zweifelsfrei fest, dass diese Gruft nicht für die Totenruhe dieser Menschen eigens gebaut wurde; denn das Mauerwerk, ein Tonnengewölbe, unverputzt, stammt aus dem 8. Jahrhundert, diese Gruft ist erheblich älter.

Nach der Gruft suchten bereits 1945 vier Historiker aus Frankreich im Beisein des damaligen Innenministers des Saarlandes Dr. Hector. An Hand mitgebrachter Pläne glaubte man nach diversen Vermessungen die gesuchte Stelle unter dem Altartisch gefunden zu haben. Da man den Altar, der mit der Kanzel verbunden war, nicht zerstören wollte, gab man ein weiteres Suchen auf.

Bei dieser Ausmessung war auch der damalige Küster Gebhard zugegen, der leider der französischen Sprache nicht mächtig war, doch mehrmals den Namen Pippin, der König von Frankreich war, verstand.

Wie ich schon erwähnte hat Pippin III 743 Childerich III, den letzten Merowingerkönig auf den Thron erhoben, ihn aber 751 abgesetzt und ins Kloster geschickt, wo er wohl 754 starb.
Die Grabstätten von Childerich I und Childerich II sind bekannt. Die Grabstätte Childerich III kennen wir nicht, sie könnte in Fechingen gewesen sein.

Zurück nach Güdingen. Um 800, so nimmt man an, hatten alle größeren Dörfer eine Kirche oder Kapelle und Güdingen könnte im Saarbrücker Land unter den ersten gewesen sein die ein Gotteshaus erhielten. Der Kirchenheilige ist nicht bekannt, sonst könnte man daraus auf das Alter unseres Kirchenwesens schließen.

Die Gemeinde war wohlhabend, wahrte ihr eigenes Vermögen und führte eigene Rechnung. Auch das stützt die Meinung, dass das Stift mit Güdingen eine bereits länger bestehende Gemeinde mit schon vorhandener Kirche an sich ziehen konnte.

Güdingen muss auf jeden Fall bereits Pfarrei gewesen sein, ehe es in den Verband der Stiftsgemeinden (7) eintrat. Unsere Kirche hatte nämlich Taufrecht und Taufstein, und das hätte das Stift einer von ihm gegründeten Gemeinde niemals zugestanden: z.B. den Städten Saarbrücken und St. Johann verweigerte es dieses Recht immer wieder, obwohl auch der Graf es forderte. Auch er musste seine Kinder in St. Arnual taufen lassen, der Güdinger Bauer konnte dies in seinem Dorf.

Aus dem langen Hochmittelalter (Es dauerte über 500 Jahre) wissen wir nichts von unserem Dorf. Als es endete, waren aus den Nachkommen der freien fränkischen Landnehmer von 500 n. Chr. Leibeigene geworden, die sich selber „die armen Leute von Güdingen“ nannten.

Von 1295 bis 1669 liegen über 50 meist kurze Nachrichten von den adligen Grundherren Güdingens vor.

Die Jahreszahl 1259, die unserer 750 -Jahrfeier zugrunde liegt, dürfte von dem Saarbrücker Historiker Rektor Jungk gesetzt sein, nicht genau- aber sinnvoll einwandfrei.

Am 07.Januar 1259 war ein gewisser „Henrich Tichelate“ Zeuge bei dem notariellen Akt, als eine Wiese in der Nähe des heutigen Deutschmühlenweihers an die Herren auf dem Deutschhause verkauft wurde. Ebenfalls als Zeuge bei einem Vertragsabschluss erscheint er in einer Urkunde vom 11.12.1267. 1284 treten seine Söhne in einer Familiensache auf, wahrscheinlich lebte der Vater nicht mehr.

Der Ritter „Henrich Tichelate“ trug unter anderen Güter auch „Wiesen zu Gudenges“, d.h. zu Güdingen, vom Saarbrücker Grafen zu Lehen.

Der bekannte Saarbrücker Registrator Andrae um 1600 hatte seine Nachricht über den Ritter aus alten Listen, in denen die adligen Lehnsleute der Saarbrücker Grafen mit ihren Lehensstücken aufgezeichnet waren.

Da Tichelate 1259 zum ersten Mal erwähnt wurde und damals bereits im Besitz der Güdinger Wiesen war, steht die älteste schriftliche Nachricht unter dem Vermerk „um 1259“.

Unter Abwägung aller Kriterien ist nach dem Stand des heutigen Wissens Güdingen, weil es seit der Antike kontinuierlich an ein und derselben Stelle bestand, eines der ältesten Dörfer im Saarland. Man darf sich nicht allein an die schriftlichen Nachrichten halten. Wie viele davon mögen durch Kriegseinwirkungen verloren gegangen sein. Dafür ist der Boden in und um Güdingen, wie ein Buch; er bewahrte manches auf, selbst aus sehr alten Zeiten. Aus diesen Gründen lässt sich die Vergangenheit viel weiter zurückverfolgen als aus den erhaltenen Schriftblättern.

Zurückdrehen lässt sich Geschichte allerdings niemals, doch aus ihr zu lernen, dürfte ein neuer Anfang sein, oder in Abwandlung des Dichterwortes gesagt, das von den Vätern Ererbte sollte erworben werden, um es zu besitzen.






Geschichte